1900 bis 1924

Rudolf Zender

(1901 Rüti –Winterthur 1988)

Zenders Geburtshaus

Seine Vorfahren väterlicherseits sind Bauern im Tösstal und in der Gegend von Winterthur. Sein Vater, Rudolf (geboren 1877), verlässt die bäuerliche Welt und wird Oberstufenlehrer. Er ist ein guter Zeichner und auf seinen Wanderungen entstehen viele Skizzen. Der Name Zehnder hängt mit dem mittelalterlichen «Zehnden» zusammen. Die Vorfahren mütterlicherseits stammen aus dem Appenzell. Die Zellweger betreiben eine Stickereimanufaktur in Teufen, wo die Mutter unseres Malers, Sophie Zellweger, im Jahre 1872 zur Welt kommt. Sie wird Arbeitslehrerin in Herisau. In Fägswil erhält das Lehrerehepaar (Heirat 1899) seine erste Wirkungsstätte.

1900 Sophie, die erste Schwester von Rudolf Zender kommt zur Welt.

1901 Geburt von Rudolf. Seine Kindheit verbringt er mit seinen drei Schwestern in Fägswil-Rüti.

1904 Gertrud, seine zweite Schwester erblick das Licht der Welt.

1906 Die dritte Schwester, Margrit, wird geboren.

1908 Die Familie übersiedelt nach Winterthur. Schuleintritt von Rudolf Zender.

1919 Seine Schwester Gertrud stirbt an einer Grippe im Alter von nur 15 Jahren.

1920 Eintritt in die Studenten-Verbindung Vitoduriana, der er zeitlebens verbunden bleibt. Er erhält den Namen: Cato. Abschluss der Schulzeit in Winterthur mit der Matura. Durch die Klassenkammeradin Lili Hahnloser erlebt er erste Kontakte mit der Kunst und der Sammlung ihrer Eltern, Arthur und Hedy Hahnloser, seinen späteren Förderern. Eigentlich will Rudolf nun den Beruf des Malers ausüben, doch sein Vater schildert ihm das brotlose Dasein des Künstlers und überredet ihn zu einem Studium.

1921/22 Den Eltern zuliebe beginnt er das Geschichtsstudium in Zürich und Heidelberg. In Zürich belegt er gleichzeitig den Zeichen- und Modelierkurs der Architekten am Polytechnikum. Zwischendurch besucht er auch den Seziersaal des Anatomischen Instituts, um Näheres über den menschlichen Körper zu erfahren. Die Assistentin von Professor Felix erlaubt dem wissensdurstigen angehenden Maler zu sezieren, schärft ihm aber ein, er müsse sich strikt ans blosse Zeichnen halten, wenn der Professor erscheine. In seinem Eifer wird er beim Sezieren eines Armes erwischt und erhält Hausverbot. In Heidelberg fühlt er sich frei, besucht Malkurse und erscheint immer seltener in den Vorlesungen. Er nimmt Zeichenstudien auf, um seine Fertigkeit auszubilden, versucht alles genau der Natur abzuschauen und darzustellen. Rudolf Zender schreibt: «Ich stellte mir einfache Aufgaben vor der Natur und sah, dass ich nicht einmal diese bewältigte. In bitterer Einsicht gab ich Stück um Stück meiner (früheren) schmissigen Fertigkeiten preis und fing wieder an, womit der kleine Gymnasiast einmal begonnen hatte: ich zeichnete Blumen, Blätter, einen Apfel, ein Glas, mit peinlicher Genauigkeit. So lernte ich langsam nicht zeichnen, aber sehen». Zuletzt klingt die Bescheidenheit in Triumph aus: «Erst jetzt entdeckte ich alles, was mich umgab, erst jetzt bekam ich Augen. Die Natur überschüttete mich mit ihrer klaren Helligkeit, jedes kleine Ding feierte Auferstehung! Stimmen Sie mir bei, wenn ich sage: damals war ich Maler? Es war meine Befreiung. Ich sah einen Weg, die Probleme des bildnerischen Ausdrucks ernsthaft anzupacken: mit Ehrlichkeit vor der Natur».

1922 Seine Mutter stirbt an Tuberkulose und auf dem Sterbebett verspricht Rudolf Zender ihr vorerst einen sicheren bürgerlichen Beruf zu erlernen. Seinem Versprechen folgend lässt er sich an der Universität in Zürich während zwei Semestern zum Primarlehrer ausbilden. Da seine Examensnoten so gut waren, erhält er nicht eine Stelle als Primarlehrer sondern ein Vikariat als Sekundarlehrer. Während vier Monaten unterrichtet er die Fächer Französisch, Geschichte, Deutsch und Geographie (Verdienst: Fr. 680.–/Monat). Wegen den Vorbereitungen für die Unterrichtsstunden kommt er kaum zum Malen. Mit dem gesparten Geld fährt er nach Frankfurt an das Städelsche Kunstinstitut, wo er sich in Akt- und Landschaftszeichnen übt. Doch fehlt ihm auch jetzt noch immer die eigentliche malerische Technik. «Ich bin auch in meinen Malereien noch Zeichner» urteilt er. Sein Schulfreund Willi Sträuli lädt ihn zu einer Reise nach Paris und in die Normandie ein. Erstmals reist er nach Paris für einen Monat und ist sich sicher, dass er in dieser Stadt leben möchte: die Gassen, die Boulevards, die Seine, das Licht, die Atmosphäre dieser Stadt ziehen ihn in ihren Bann. Seine Entscheidung für die Malerlaufbahn steht fest. Hals über Kopf reist Zender nach diesem Aufenthalt in Frankreich nach Frankfurt zurück, packt den Koffer und fährt heim. Er lässt sich nun freiwillig für ein Jahr ins Schuljoch einzuspannen um Geld für seinen nächsten Pariser Aufenthalt zu sparen.

1924 Vor seiner Pariser Reise erhält er von Richard Bühler, einem Vetter von Frau Hahnloser, die Adresse des Malers Wilhelm Gimmi (1886 Zürich – Chexbres 1965). Seine Pläne werden begünstigt durch ein wohlwollendes Gutachten des Berner Malers Ernst Kreidolf (1863 Bern 1956). So wird ihm von der Stadt Winterthur ein Ausbildungsstipendium zur Verfügung gestellt. «Absprung zur Malerei», schreibt Rudolf Zender in seiner Biographie zu diesem Jahr. Ausbildung bei Roger Bissière (1886 Villeréal – Boissirette 1964), einem Schüler von Georges Braque (1882 Argenteuil – Paris 1963), an der Académie Ranson, zusammen mit Wilhelm Gimmi. Rudolf Zender sagt von Roger Bissière: «Ich verdanke ihm die wichtigsten Einsichten in die Grundelemente malerischen Gestaltens: Form, Farbe und ganz besonders die Klarheit über das, was der Franzose „les valeurs“ nennt». Bissière unterrichtet mit wenigen Leitsätzen und besonders der folgende entsprach Zender: «Les valeurs sont des variations de l’intensité de la lumière, exprimées par les couleurs». In dieser scheinbar einfachen Definition liegt für Zender das Geheimnis sensibler Malerei. Stets bleibt das Licht die Dominante in seinen Bildern, nie die reine Farbe. Bereits nach einem halben Jahr entlässt ihn Bissière mit den Worten, er könne ihm nichts mehr beibringen. Zender wohnt zuerst im Atelier von Oscar Früh (1891 Teufen – Paris 1949) im Montparnasse, dann lernt er den Maler Carl (Charles) Montag (1880 Winterthur – Meudon 1956) kennen, den Freund und Mallehrer von Churchill. Montag nimmt ihn auf in sein schönes Haus in einem riesigen Park in Meudon. Er vermittelt ihm dann in seiner Nähe ein Atelier in einem kleinen Häuschen, das über den Sommer sehr angenehm ist, im kommenden Herbst aber die schwere Lungen-Krankheit Zenders verursacht, da es nicht beheizbar ist.